Kroatien bei der WM 2026: Modrićs Abschiedstour oder Neuanfang?

Kein Land mit weniger als 5 Millionen Einwohnern hat im modernen Fußball mehr erreicht als Kroatien. WM-Finale 2018, WM-Halbfinale 2022, Nations-League-Finale 2023 — die Vatreni haben in den letzten 8 Jahren eine Konstanz auf höchstem Niveau gezeigt, die Nationen mit zehnfacher Bevölkerung neidisch macht. Doch bei der kroatien wm 2026 steht das Land vor seiner größten Herausforderung: Luka Modrić, das Herz und Hirn der Mannschaft seit 15 Jahren, wird 41 sein. Sein Erbe zu verwalten und gleichzeitig kompetitiv zu bleiben ist die Aufgabe, die Trainer Zlatko Dalić lösen muss.
Für österreichische Wetter hat Kroatien eine besondere Relevanz: Die Vatreni sind in Gruppe L mit England gelost — ein Duell, das taktisch höchst aufschlussreich wird und dessen Ergebnis die gesamte K.o.-Runden-Konstellation beeinflusst. In meiner Analyse bewerte ich Kroatiens Chancen nüchtern und zeige, wo die Quoten Fehleinschätzungen bieten.
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Qualifikation und Leistungskurve
Kroatiens Qualifikation war ein Spiegel der aktuellen Situation: gut genug, um sich zu qualifizieren, aber ohne die Dominanz früherer Kampagnen. 7 Siege, 1 Unentschieden und 2 Niederlagen in 10 Spielen zeigen eine Mannschaft, die gegen schwächere Gegner souverän gewinnt, aber gegen gleichwertige Teams Probleme hat. Die Niederlagen kamen in Wales und gegen die Türkei — Ergebnisse, die vor 4 Jahren undenkbar gewesen wären und die den schleichenden Qualitätsverlust dokumentieren.
Die Offensiv-Statistiken sind besorgniserregend: 19 Tore in 10 Spielen bedeuten 1.9 pro Spiel — der niedrigste Wert einer kroatischen WM-Qualifikation seit 2006. Zum Vergleich: In der WM-Quali 2022 erzielte Kroatien 2.6 Tore pro Spiel. Der Rückgang lässt sich auf den Abgang von Ivan Perišić und die reduzierte Spielzeit von Modrić zurückführen — ohne die kreative Impulse dieser beiden Veteranen fehlt dem Angriff die Durchschlagskraft, die Kroatien bei den letzten beiden WMs auszeichnete. Die Torverteilung zeigt die Breite des Problems: Kein kroatischer Spieler erzielte in der Qualifikation mehr als 3 Tore, was bedeutet, dass kein Stürmer die Torjäger-Rolle übernommen hat. Defensiv war die Bilanz deutlich erfreulicher: 7 Gegentore in 10 Spielen zeigen eine Kompaktheit, die Dalić‘ pragmatischem Ansatz entspricht, und in 4 Spielen blieb Kroatien ohne Gegentor.
Was Kroatien in der Qualifikation demonstrierte, ist die Fähigkeit, Spiele über mentale Stärke zu gewinnen statt über spielerische Überlegenheit. In 4 der 7 Siege lag Kroatien zur Halbzeit nicht in Führung — ein Muster, das auf Turniererfahrung und Nervenstärke hindeutet. Die Auswärtsbilanz von 3 Siegen in 5 Spielen ist für eine kleine Nation beachtlich und zeigt, dass die Mannschaft auch in feindlicher Atmosphäre bestehen kann — eine Fähigkeit, die bei einer WM in Nordamerika, wo es keine echten Heimspiele gibt, besonders wertvoll ist. Diese Mentalität, die Modrić, Brozović und Kovačić über ein Jahrzehnt kultiviert haben, ist Kroatiens wertvollstes Kapital bei der WM — und gleichzeitig das Kapital, das am schwierigsten an die nächste Generation weiterzugeben ist.
Nach Modrić — wie sieht Kroatiens Zukunft aus?
Die Frage „Spielt Modrić noch?“ ist bei der WM 2026 mehr als eine sportliche Frage — sie ist eine nationale Identitätsfrage. Modrić wird 41 sein, spielt bei Real Madrid nur noch sporadisch und hat seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft mehrfach angedeutet, ohne ihn zu vollziehen. Wenn er bei der WM dabei ist, wird es als Einwechselspieler und taktischer Joker sein — die Zeiten, in denen er 90 Minuten das Spiel diktiert, sind vorbei. Sein Vertrag bei Real Madrid läuft aus, und die Frage, ob er die letzten Monate seiner Karriere für die WM optimiert oder bereits in den Ruhestand gewechselt hat, wird erst im Mai 2026 beantwortet werden. Was Modrić noch bringen kann, ist unbezahlbar: In den letzten 15 Minuten eines engen K.o.-Spiels gibt es keinen Spieler auf der Welt, der ruhiger am Ball ist und besser mit dem Druck von 80.000 Zuschauern umgehen kann. Seine Einwechslung gegen Brasilien im WM-Viertelfinale 2022 — als er das Tempo kontrollierte und Kroatien ins Elfmeterschießen rettete — war ein Meisterstück, das seine Rolle bei der WM 2026 perfekt beschreibt.
Die Post-Modrić-Ära hat bereits begonnen. Mateo Kovačić (31) und Marcelo Brozović (33) bilden das erfahrene Mittelfeld-Duo, das Modrićs kreative Impulse durch kollektive Stabilität ersetzen muss. Kovačić hat bei Manchester City unter Guardiola gelernt, Spiele über Ballkontrolle zu dominieren, ohne den spektakulären Pass à la Modrić zu suchen. Sein Ansatz ist effizienter, aber weniger inspirierend — ein Trade-off, der Kroatiens Spielcharakter verändert. In der Qualifikation war Kovačić der Spieler mit den meisten Ballkontakten pro Spiel (87), was seine zentrale Rolle im Aufbauspiel bestätigt. Brozović als tiefer Sechser, mittlerweile bei Al-Nassr in Saudi-Arabien, gibt der Mannschaft eine defensive Sicherheit, die in K.o.-Spielen wertvoll ist. Seine Fähigkeit, Räume zu erkennen und Gegner von der Mittelfeld-Kontrolle abzuschneiden, bleibt auf hohem Niveau, auch wenn die Liga-Qualität seiner täglichen Trainingsumgebung Fragen aufwirft. Die Kombination Kovačić-Brozović ist solide, aber ohne Modrićs magischen Moment fehlt dem kroatischen Mittelfeld das Element, das bei den letzten drei Turnieren den Unterschied zwischen einem guten und einem überragenden Ergebnis ausmachte.
Die junge Generation bringt Talent, aber keine vergleichbare Turniererfahrung. Joško Gvardiol von Manchester City ist der herausragende Spieler — mit 24 Jahren bereits einer der besten Innenverteidiger der Premier League, dessen Spieleröffnung und Offensivdrang ihn zum modernsten Verteidiger im kroatischen Kader machen. Gvardiols Fähigkeit, aus der Abwehr nach vorne zu stoßen und Tore zu erzielen (6 Premier-League-Tore in der laufenden Saison), gibt Kroatien eine offensive Dimension aus der Defensive, die wenige WM-Teams bieten können. Lovro Majer von Wolfsburg bringt kreative Impulse ins Mittelfeld — sein linker Fuß liefert Pässe, die an den jungen Modrić erinnern, auch wenn seine Konstanz noch nicht das Niveau des Meisters erreicht. Mario Pašalić von Atalanta bietet als Box-to-Box-Spieler eine physischere Alternative, die gegen körperbetonte Gegner wertvoll ist.
Im Sturm fehlt allerdings ein Top-Stürmer: Andrej Kramarić (34) und Bruno Petković (30) sind solide Bundesliga- und Serie-A-Spieler, aber kein WM-Torjäger vom Kaliber eines Kane oder Mbappé. Dieses Stürmer-Defizit ist Kroatiens größte Schwäche und der Grund, warum die Mannschaft bei der WM 2022 nur 5 Tore in 7 Spielen erzielte — bis auf ein 4:1 gegen Kanada waren alle Spiele torarm. Für die WM 2026 wird Dalić auf ein kollektives Tore-Schießen setzen müssen, bei dem Gvardiol, Majer und die Mittelfeldspieler den fehlenden Torjäger kompensieren.
Torhüter Dominik Livaković ist eine Konstante, die oft unterschätzt wird. Bei der WM 2022 war er der Held in den Elfmeterschießen gegen Japan und Brasilien — 6 gehaltene Elfmeter in zwei Spielen, eine Bilanz, die in der WM-Geschichte ihresgleichen sucht. Bei Fenerbahçe hat Livaković seine Leistungen bestätigt und gehört zu den konstantesten Torhütern in der türkischen Süper Lig. Seine Fähigkeit, in K.o.-Spielen über sich hinauszuwachsen, gibt Kroatien einen messbaren Vorteil, der in den Quoten nicht vollständig eingepreist ist — bei Elfmeterschießen ist Kroatien mit Livaković im Tor der klare Favorit gegen jeden Gegner.
Gruppe L — England, Ghana, Panama
Kroatien hat in Gruppe L die schwerste Aufgabe der vier Teams: England im direkten Duell zu schlagen und gleichzeitig gegen Ghana und Panama keine Punkte zu verschenken. Die Rivalität mit England hat bei großen Turnieren Geschichte — das WM-Halbfinale 2018, das Kroatien mit einem späten Mandzukić-Tor 2:1 gewann, ist in Zagreb genauso unvergessen wie in London. Diese historische Dimension gibt dem Gruppenspiel eine Brisanz, die über die 3 Punkte hinausgeht und beide Mannschaften zu Höchstleistungen antreiben wird.
Gegen England sehe ich Kroatien als klaren Außenseiter. Die individuelle Qualität des englischen Kaders überragt Kroatien auf nahezu jeder Position, und das Pressing unter dem neuen englischen Trainer wird Kroatiens Aufbauspiel unter Druck setzen. Dalićs einzige Chance liegt in einem taktisch disziplinierten Ansatz: tief stehen, Englands Offensivpotenzial neutralisieren und auf Konter über die Flügel setzen. Gvardiols Kenntnis der englischen Spieler — er trainiert täglich mit Foden und Grealish bei Manchester City — könnte in der Defensive zum Vorteil werden. Die historische Bilanz bei großen Turnieren steht 2:2 (WM 2018: Kroatien-Sieg, EM 2021: England-Sieg, WM 2022: Unentschieden, EM 2024: England-Sieg) — ein Gleichgewicht, das zeigt, dass Kroatien gegen England auf Augenhöhe spielen kann, wenn die taktische Disziplin stimmt.
Ghana wird das Spiel sein, das über Kroatiens Turnier entscheidet. Ein Sieg gegen die Black Stars sichert wahrscheinlich den zweiten Platz oder den Status als bester Dritter. Ghana ist physisch stark und schnell, aber taktisch weniger diszipliniert als Kroatien — genau die Art von Gegner, gegen den Dalićs pragmatischer Ansatz funktioniert. In der WM-Geschichte hat Kroatien gegen afrikanische Teams eine makellose Bilanz: 4 Spiele, 3 Siege, 1 Unentschieden. Die kollektive Erfahrung der kroatischen Mittelfeld-Achse macht den Unterschied gegen Teams, die individuell stark, aber taktisch weniger organisiert sind. Panama als vierter Gruppenplatz ist ein Pflicht-Dreier, den Kroatien holen muss, um das Achtelfinale realistisch zu erreichen — ein Spiel, in dem Dalić die erfahrenen Spieler schonen und der jungen Generation WM-Minuten geben kann.
Mein Gruppen-Szenario: Kroatien wird Gruppe L als Zweiter abschließen — mit einer Niederlage gegen England, einem Sieg gegen Panama und einem engen Sieg oder Unentschieden gegen Ghana. 4–6 Punkte und Platz 2 oder 3 sind das realistische Ergebnis. Die Wahrscheinlichkeit, die Gruppenphase zu überstehen, liegt bei 55–60% — höher als die Quoten vermuten lassen, weil Kroatiens Turniererfahrung in engen Spielen den Unterschied macht. Im neuen 48-Team-Format, in dem die 8 besten Gruppendritte weiterkommen, reicht möglicherweise schon ein Sieg und ein Unentschieden für den Einzug in die K.o.-Runde.
Quoten und Wettwert
Kroatien steht bei Quoten zwischen 40.00 und 60.00 auf den WM-Titel — eine implizite Wahrscheinlichkeit von unter 3%. In meiner Bewertung liegt die reale Titelwahrscheinlichkeit bei 1–2%, was die Quote als leicht überbewertet erscheinen lässt. Der WM-Finale-2018-Effekt und die WM-2022-Leistung erzeugen eine nostalgische Überbewertung, die der aktuellen Kaderqualität nicht entspricht.
Wo ich Value sehe: „Kroatien übersteht die Gruppenphase“ bei Quoten um 1.90–2.20. Meine Einschätzung liegt bei 55–60%, was bei einer Quote von 2.00 einen Edge von 10–20% bietet. Kroatiens Turniererfahrung und Livakovićs K.o.-Runden-Qualitäten sind Faktoren, die der Markt strukturell unterbewertet, weil sie sich nicht in Vereinsliga-Statistiken abbilden lassen. Die Vatreni haben bei den letzten 3 großen Turnieren jeweils die Gruppenphase überstanden — eine Konstanz, die keine andere Mannschaft in diesem Quotenbereich vorweisen kann.
Im Einzelspiel-Markt ist das England-Spiel der interessanteste Markt. „Unter 2.5 Tore“ bei Quoten um 1.90 bietet Value: Kroatien wird tief verteidigen, England wird den Ball haben, aber gegen Dalićs organisierte Defensive wenig klare Chancen kreieren. Die WM-2018-Begegnung endete 1:0, das EM-2024-Spiel 1:0 — knappe Ergebnisse sind das Muster dieser Rivalität. „Kroatien Doppelte Chance“ (Sieg oder Unentschieden) bei Quoten um 3.00–3.50 ist ein attraktiver Flyer für Wetter, die an Dalićs taktische Disziplin glauben.
Kroatiens Weg bei der WM 2026
Kroatien ist bei der WM 2026 kein Favorit, aber ein Spoiler, den kein Gegner unterschätzen darf. Die Turniererfahrung der Veteranen, Gvardiols defensive Klasse und Livakovićs K.o.-Runden-Magie machen die Vatreni in jedem einzelnen Spiel gefährlich. Der Generationenwechsel limitiert das Potenzial, aber die kroatische Mentalität — über sich hinauswachsen, wenn es darauf ankommt — ist ein Faktor, der in keiner Statistik auftaucht und trotzdem Spiele entscheidet. Die Parallele zu 2018 drängt sich auf: Auch damals reiste Kroatien als Außenseiter an und spielte sich bis ins Finale. Ein solcher Lauf ist 2026 deutlich unwahrscheinlicher, aber die Mannschaft hat die DNA, in K.o.-Spielen über sich hinauszuwachsen.
Mein wahrscheinlichstes Szenario: Kroatien übersteht die Gruppenphase knapp als Zweiter oder Dritter und scheidet im Achtelfinale oder Viertelfinale aus. Ich sehe eine 55%-Wahrscheinlichkeit für die K.o.-Runde und eine 20%-Chance für das Viertelfinale. Für ein Land mit 4 Millionen Einwohnern wäre das ein respektables Ergebnis — für Modrićs Abschiedstour ein würdiger Schlusspunkt. Die Gesamtübersicht aller WM-Teams ordnet Kroatien im mittleren Drittel ein — eine Platzierung, die dem Übergangscharakter dieser Mannschaft gerecht wird, aber das Überraschungspotenzial, das die kroatische Turniermentalität bietet, nicht vollständig abbildet.
Ist Luka Modrić bei der WM 2026 dabei?
Modrić wird voraussichtlich im Kader stehen, aber seine Rolle hat sich grundlegend verändert. Mit 41 Jahren ist er kein 90-Minuten-Spieler mehr, sondern ein taktischer Joker für die letzten 20-30 Minuten. Seine Erfahrung und Ruhe am Ball bleiben in K.o.-Spielen unbezahlbar.
In welcher Gruppe spielt Kroatien bei der WM 2026?
Kroatien ist in Gruppe L mit England, Ghana und Panama gelost. Das England-Spiel hat historische Brisanz nach dem WM-Halbfinale 2018. Kroatien wird als Zweiter oder Dritter der Gruppe erwartet — der Gruppensieg gegen England wäre eine Überraschung.
Erstellt von der Redaktion von „WP TIPP 26“.
